Kuddels’s Norden (Eine Erzählung von Jörg Rönnau)

Kieler Hafen

Moin,

mein Name ist Kuddel.
Ich gehöre zur Familie der Larus argentatus. Klingt vornehm, wa? Ist es auch … Lateinisch!
Es gibt Menschen, die nennen uns Silbermöwen.
Klingt auch edel. Aber das sind wir Akrobaten der Lüfte ja schließlich auch. Wir Möwen beanspruchen eben nicht umsonst die absolute Lufthoheit in der gesamten nördlichen Hemisphäre.
Nachdem ich vor einigen Jahren durch meine Eihülle geschlüpft war, empfing mich ein leichter Seewind. Diese Brise umschmeichelte meine noch jungen, flauschigen Daunen. Wunderbar.
Das Erste, was ich roch, war der salzige Duft der Ostsee. Herrlich.
Ich hörte die Wellen, die an die Küste plätscherten. Großartig.
Mein erster Blick aufs Meer war atemberaubend. Langsam tuckerte ein Fischerboot aus dem Hafen. Gefolgt von einem Schwarm meiner Artgenossen.
Oh, welch herrliche Zukunft erwartete mich.
Von Anfang an war ich verliebt in diese wunderbare Landschaft. Das Land zwischen den Meeren.
Schleswig-Holstein.
Nun reise ich schon seit acht Jahren an den Küsten entlang. Dabei gibt es für mich kaum etwas Spannenderes, als die Menschen zu beobachten, die hier wohnen. Da ich über dreißig Jahre alt werden kann, habe ich also noch genügend Zeit, mir diese Zweibeiner genauer anzusehen. Ich halte diese komischen Kreaturen sowieso für völlig verhaltensgestört und kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie diese Spezies es schaffen konnte, die ganze Welt zu erobern … egal.

Eigentlich wollte ich euch etwas ganz anderes erzählen:
Letztes Wochenende befand ich mich auf einem Patrouillenflug ins Landesinnere, um nach ein paar Leckerbissen zu suchen. Möwen sind eben immer hungrig. Es war Ostern, und da findet man stets etwas Delikates, das diese zweibeinigen Zeitgenossen irgendwo fallen lassen.
Also, ich befand mich auf einem Flug von der Ostseeküste Richtung Südwesten. Der Wind stand günstig. Nach etwa zwanzig Kilometern musste ich ein wenig verschnaufen und landete auf einem Hausdach. Ich kannte dieses Dach schon von vorherigen Besuchen. Den Besitzer des Hauses habe ich schon einige Male von hier oben aus beobachtet. Ein recht freundlicher, etwas moppeliger Typ. Ganz nett. Meistens macht er es sich mit einem Espresso in einem Strandkorb gemütlich, hat einen Collegeblock oder ein Notebook vor sich liegen und denkt sich dort Geschichten aus. Ich wusste, dass er gerne Regionalkrimis schreibt. Einer davon wird in den nächsten Monaten erscheinen. Sein Debüt-Roman. Er soll „Killerfrosch – Hetzjagd über die Ostsee“ heißen, hihi. Naja, ich glaube irgendwie, dass dieser Typ berühmt wird. Ich sehe ihn jetzt schon bei der NDR-Sendung „DAS!“ auf dem roten Sofa sitzen, wie er mit Hinnerk Baumgarten klönt.
Egal … an diesem Tag habe ich mitbekommen, wie er zu seinem Weibchen sagte, dass er etwas über die Eigenarten und Macken der Norddeutschen schreiben wolle. Doch er sah irgendwie traurig aus, weil ihm momentan nichts Richtiges einfiel.
Ha … der Dösbaddel!
Darüber könnte ich ihm genug erzählen … über dieses merkwürdige Völkchen. Leider sprechen wir unterschiedliche Sprachen. Aber dank meiner telepathischen Fähigkeiten habe ich mich in seine Synapsen gehackt. Plötzlich strahlte er wieder … mein Input war angekommen.

Jaja, die Norddeutschen und ihre Macken.

Da wäre zum Beispiel das Vorurteil, dass sie kühl und redefaul seien.
Stimmt.
Bedingt.
Den Schnabel kriegen sie wirklich nicht so schnell auf. Aber wenn man so einen norddeutschen Flachländer zum Freund hat, dann hat diese Freundschaft auch wirklich Hand und Fuß. Dabei kann es auch schon mal vorkommen, dass aus so einem schweigsamen Norddeutschen eine richtige Sabbeltasche wird.
Ein typisches Gespräch zwischen ihnen hört sich meistens so an:
„Moin!“
„Moin Moin!“
„Wie geiht so?“
„Jo goot, un sölbst?“
„Ok goot! Un to Huus?“
„Jo, goot!“
„Alln’s klor! Denn man Tschüss!“
„Jo, Tschüss!“
Damit haben Norddeutsche meistens alles gesagt, was wichtig ist. Mehr bedarf es nicht. Man versteht sich eben.

Und dann natürlich dieses ständige „Moin“. Egal wo und wann sie sich treffen. Immer „Moin“ zum Gruß. Zu jeder Tageszeit.
Dabei muss ich sie allerdings in Schutz nehmen, denn „Moin“ hat nichts mit dem Morgen zu tun. „Moin“ kommt vom Plattdeutschen / Friesischen „moje“ und bedeutet nichts anderes als „gut“ oder „schön“. Also wünschen sich die Eingeborenen hier ständig etwas Gutes oder Schönes. Da soll noch einer sagen sie wären Barbaren, nee, alles nette Menschen hier oben.

Überhaupt die Sprache. Dieses Plattdeutsch.
Die Menschen sind für uns Möwen sowieso schon schwer zu verstehen. Aber dieses Platt … ! Da werden normale Wörter zu wahren Hieroglyphen.
Aus einem Eichhörnchen wird ein Katteker.
Streichholz – Rietsticken
Spaten – Ascher
Spitzbube – Bagalut
Feigling – Bangbüx
Wischtuch – Feudel
Ruhepause – Foffteihn
Festgebäck – Klöben
Spinner, Geschichtenerzähler – Tütelbüdel
Toilette – Tante Meier
usw.

Vom Humor der Norddeutschen will ich gar nicht erst reden, der ist so schräg … also nee! Da braucht man sich im Norddeutschen Rundfunk nur diese verschrobenen Sendungen anzusehen.
„Der Tatortreiniger“, „Großstadtrevier“, „Der Landarzt“, „Ohnsorg Theater“ oder „Neues aus Büttenwarder“!
Tze tze tze!

Die Sportarten der Einheimischen sind ebenfalls ziemlich seltsam.
Viele von ihnen steuern jedes Wochenende ihre Segelboote aufs Meer hinaus. Da fahren sie stundenlang hin und her. Manche dieser Freizeitkapitäne sehen dabei aus, als würden sie einen zweihundert Meter langen Containerfrachter steuern. Dazu bekleiden sie sich meistens mit einem Finkenwarder Fischerhemd und setzen sich eine Lotsenmütze auf den Kopp. Herrlich!
Meine Kollegen und ich erlauben uns gelegentlich einen Spaß mit diesen Süßwassermatrosen. Wir torpedieren mit kleinen, weißen Klecksen ihre sorgsam gepflegten Boote. Wenn wir einen Volltreffer landen, schimpfen sie lauthals und drohen damit, uns abzuschießen. Hihi, das macht immer wieder einen Heidenspaß. So’n Schiet.
Jedes Jahr treffen sich diese Segler zu einem großen Fest an der Kieler Förde. Tausende von ihnen schippern dabei über die Ostsee und auch an Land gibt es viele Veranstaltungen.

Eine weitere merkwürdige Sportart ist das sogenannte „Boßeln“. Dabei finden sich die Ureinwohner in Gruppen zusammen und schmeißen kleine Kugeln am Deich entlang. Wenn eine Gruppe dabei weiter wirft als die andere, freuen sie sich wie kleine Kinder. In den Spielpausen trinken sie aus kleinen Fläschchen. Darin muss irgendetwas sein, was sie nach geraumer Zeit torkeln lässt.

Beim „Klootstockspringen“ versuchen die Eingeborenen mit drei bis fünf Meter langen Stangen, Gräben und Siele zu überwinden. Dabei wird der Stock in der Mitte des Wassergrabens angesetzt und die jungen Männer versuchen, darüber hinweg zu hüpfen. Sollte es einem der Springer nicht gelingen, landet er im Modderwasser und erntet zur Belohnung Hohn und Spott. Seine Stammesangehörigen lachen ihn aus.

Viele Norddeutsche, besonders an der Westküste, veranstalten jedes Jahr das „Ringreiten“. Dazu bewaffnen sich die Ureinwohner mit einem lanzenartigen Speer, setzen sich auf ein Pferd und versuchen im gestreckten Galopp einen kleinen Ring mit dem Speer zu treffen.

Seit einiger Zeit gibt es die sogenannte „Wattolümpiade“. Dabei werden sämtliche Disziplinen auf dem Meeresboden, dem Watt ausgetragen. Natürlich ist es für die Athleten gesünder, die Ebbe abzuwarten. Bei Niedrigwasser werden im Schlick folgende Disziplinen ausgetragen: Fußball, Handball, „Wolliball“, Schlickschlitten-Rennen, Aal-Staffellauf, Gummistiefelweitwurf, Fischtennis, Euterball, Tauziehen und Golf. Dass die „Olümpioniken“ sich dabei mit Schlick einsauen, ist für alle Schaulustigen eine wahre Freude. Wenn nach einigen Stunden die Flut einsetzt, sind allerdings alle wieder sauber. Die Veranstalter hoffen jedes Mal, dass alle Athleten den Weg an Land zurückgefunden haben. Ansonsten gibt es einen weiteren Wettbewerb: Langstreckenschwimmen. Endet meistens in England.

Eine weiter große Eigenart der Bewohner des norddeutschen Flachlandes ist deren Trinkverhalten. Sie trinken gerne ganz bestimmte Arten von Flüssigkeiten. Diese Substanzen verändern die Bewohner. Sie fangen an zu torkeln. Manchmal stimmen sie sogar Lieder an: „An der Nordseeküste … “ oder „An de Eck steit’n Jung mit’n Tüddelband … “ und andere furchtbare Songs. Grausam.
Eine dieser Flüssigkeiten nennt sich „Pharisäer“. Obendrauf befindet sich eine Sahnehaube. Die Norddeutschen sind ganz wild drauf. Zudem gibt es noch „Köm“, „Flens“, „Grog“ und „Rum“. An der Westküste, besonders auf Föhr, lieben die Leute ein Getränk namens „Manhattan“.

Die Nahrungsaufnahme der Norddeutschen ist ebenfalls ziemlich mysteriös. Da gibt es Gerichte wie „Birnen, Bohnen und Speck“, „Gröönkohl mit Braadkantüffeln, Swiensback un Kohlwust“ oder „Mehlbüdel“. Auch Fisch wird gerne in allen Variationen verzehrt. Oder kleine Krebstierchen: Krabben.
Die Krönung dieser kulinarischen Absonderlichkeiten ist allerdings „Labskaus“. Da fehlen mir die Worte, dieses Gericht zu beschreiben, aber die Eingeborenen lieben es.

Kommen wir zu ein paar Ritualen.
Beim sogenannten „Biikebrennen“ entzünden sie jedes Jahr am 21. Februar überall an der Küste große Leuchtfeuer. Überall an der Küste brennen diese Feuer. Auch bei diesen Feierlichkeiten gibt es wieder jede Menge von den merkwürdigen Flüssigkeiten … und nach kurzer Zeit torkeln sie erneut.
Mit diesen Biikefeuern wollen sie böse Geister vertreiben. Früher wurden so auch die Walfangschiffe verabschiedet.

Die Kinder praktizieren in der Silvesternacht einen Brauch, der sich „Rummelpott“ nennt. Dabei verkleiden sich die Kleinen und laufen von Haus zu Haus, wo die erwachsenen Ureinwohner den Sprösslingen Süßigkeiten reichen.
Die Kinder singen dabei ein ganz bestimmtes Lied, das die Großen dazu animieren soll, ihnen reichlich Süßes zu geben:
Fru, maak de Dör op!
De Rummelpott will rin.
Daar kümmt een Schipp ut Holland.
Dat hett keen goden Wind.
Schipper, wulltst du wieken!
Feermann, wulltst du strieken!
Sett dat Seil op de Topp
un geevt mi wat in’n Rummelpott!
Meistens klappt es.
Wenn die Kleinen wieder zu Hause sind, ist ihnen von den Süßigkeiten meistens so schlecht, dass die Großen ihnen Kamillentee zubereiten müssen.

Jaja, die Norddeutschen. Die sind schon ein Völkchen für sich.
Im Großen und Ganzen sind sie allerdings doch relativ harmlos. Eigentlich kann man sie schon fast lieb haben, diese Friesen, Holsteiner, Dithmarscher, Angelner, Schleswiger, Eiderstädter, Elbmarschener, Lauenburger, Probsteier, Schwansener, Steinburger, Stormarner usw. … Nord und Ostseeanrainer …
Haben sie einen erst einmal in ihr Herz geschlossen, dann hat man Freunde fürs Leben gefunden.

Ich sehe gerade, dass dieser „Killerfrosch“ im Strandkorb seinen Artikel fertig geschrieben hat. Er hüpft momentan vor Freude durch seinen Garten.
Dank mir!
Gerade hat er zu seinem Weibchen gesagt, dass er diesen Bericht nun zu seiner Verlegerin schicken könne. Einer gewissen Melanie Waldhardt. Lebt tief im Süden …
Sie ist gerade dabei, einen Verlag aufzubauen. Und dies mit großem Engagement und einer großartigen Crew von Autoren.

Na, dann kann ich nur sagen:
„Viel Erfolg!“
Tschüss und „Moin Moin“

euer Kuddel

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