Einmal Träume zurück – danke! Waldhardt Verlag

© Stauke - Fotolia.com

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Es war einmal ein alter Mann, der saß den ganzen Tag auf einem antiken Schemel und schrieb seine Gedanken auf. Er liebte es, Geschichten zu erzählen. Die Kinder aus dem Dorf kamen zahlreich, um ihm zu lauschen, wenn er von geheimnisvollen Abenteuern erzählte.

Die Jungs liebten die Episoden von wilden Piraten und die Mädchen freuten sich über die Erzählungen von kleinen Prinzessinnen. Die Väter hatten ein Feuer inmitten des Dorfplatzes gemacht. Die Mütter brachten Speisen und Getränke mit. Das halbe Dorf versammelte sich. Alle waren fröhlich, wenn der alte Fridolin seine Geschichten zum Besten gab.

Während er beschrieb, gestikulierte er ungehemmt mit den Händen umher. Die Kinder saßen gespannt am Lagerfeuer, immer wenn er etwas erzählte, war Fridolin glücklich.

Er hatte schon viel erlebt mit seinen achtzig Lenzen. Er hatte einen weitläufigen Teil der Welt gesehen. Die Geschichten waren nicht gänzlich wahr, aber unterhaltsam.

Die Jahre zogen ins Land. Fridolin schrieb fortwährend, aber es kamen weniger Kinder zu seinen Lesungen. Das störte ihn nicht. Hauptsache jemand hörte ihm zu. Mittlerweile hatte er kleine Heftchen mit Geschichten angelegt. Immer wenn ein Fratz Geburtstag hatte, verschenkte er eines. Fridolins Erzählungen hallen noch heute durch die Köpfe von vielen Menschen. Er hatte ein befriedigendes Leben, weil er etwas von sich geben – und somit hinterlassen konnte.

Es muss im Winter 2014 gewesen sein, als »Kevin« wieder einen Null-Bock-Tag erwischt hatte. Gelangweilt spielte er am Handy und sah auf die Mattscheibe. Im Fernsehen lief eine Diskussion über Verkaufsränge im eBook Bereich. Kevin konnte damit wenig anfangen, aber ihn belustigte, wie eine Autorin wild gestikulierend immer wieder lautstark rief:«Ich bin gerne eine Hybride, ich liebe meine Unabhängigkeit. Aber meinen Verlag möchte ich auch nicht missen.«
Ein anderer Mann mischte sich ein: »Ich liebe es selbst zu publizieren, wer braucht den heute noch einen Verlag, das sind doch sowieso alles nur Abzocker.«
Seine Ausführungen wurden von tosendem Applaus aus dem Publikum begleitet. Allen voran die Pressesprecherin eines großen Versandunternehmens, die extra aufgestanden war, um dem Redner Anerkennung zu signalisieren.
Kevin fand das so lustig, dass er seine Freunde informierte. Mit ein paar Tastenklicks hatte er alle erreicht. Der blaue Haken signalisierte ihm, dass er wahrgenommen wurde.

Das Gespräch ging munter weiter. Im Publikum saßen Autoren, die sich T-Shirts passend zum Buchcover angezogen hatten. Einige trugen Perücken, die waren mit Sicherheit aus dem Fantasy-Bereich, schmunzelte Kevin.
Die Talkmasterin hatte sichtlich Schwierigkeiten die Meute unter Kontrolle zu bekommen. Verzweifelt suchte sie den Blick der Pressesprecherin des Versandhändlers. Diese klatschte genau zweimal in die Hände. Ein Raunen ging durch die Menge, dann war es mucksmäuschenstill.

»Denken Sie an Ihre Sichtbarkeit und verhalten Sie sich ruhig«, die blonde Pressesprecherin lächelte kurz. Die Diskussion schien im Keim erstickt zu sein.

Die restlichen dreißig Minuten ging es nur noch um Plattitüden, Kevin war genervt. Dabei hatte das Bashing so spannend angefangen.
Er kuschelte sich in die Couch ein und sah nach rechts Richtung Bücherregal. Um was es in der Sendung ging, hatte er schon wieder vergessen. Er stand auf und nahm sich ein Buch heraus. Er wischte mit seinem Pullover den Staub ab und schlug es auf. Die Buchstaben waren bereits verblasst, er konnte trotzdem noch etwas erkennen.

»Fridolin Weinrich – Geschichten aus einer anderen Zeit«

(C) Melanie Waldhardt

10 Gedanken zu “Einmal Träume zurück – danke! Waldhardt Verlag

  1. Ich musste an die Erstverfilmung denken von „The Fog“, wo ein alter Mann am Lagerfeuer erzählt. Ist lange her, aber besonders schön auch die Szene, wo ein Mann und eine Frau, die sich nie gesehen haben, aber die lange per Funk verbunden sind und sich nur per Stimme kennen, sich wieder unterhalten und der Mann ein persönliches Treffen anregt und die Frau sagt, sie möchte lieber vor Enttäuschungen verschont bleiben. Das trifft doch schon die Beziehungen im Internet, oder?

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      • Danke. Aber ich hab so viel in letzter Zeit über Kunst und Künstler gelästert, dass ich ihr dies schuldig war. Sie soll sich ja nicht gemeint fühlen, wenn ich die vielen „Künstler“ auf die Schippe nehme, deren Name übermorgen kein Mensch mehr kennt. Gute Besserung dir und du bekommst auch dein Gedicht: Ich wart nur auf die passende Gelegenheit: Das kommt dann automatisch aus mir raus, wie eine Entladung in der Nacht (gewittermäßig, mein ich natürlich ^^) LG Sven 🙂

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  2. „Die Jungs liebten die Episoden von wilden Piraten und die Mädchen freuten sich über die Erzählungen von kleinen Prinzessinnen. Die Väter hatten ein Feuer inmitten des Dorfplatzes gemacht. Die Mütter brachten Speisen und Getränke mit.“ Ähm … das sind mir ein paar zu viele Genderstereotype. Sollte m.E. so geballt in zeitgenössischen Erzählungen nicht mehr vorkommen. Bei mir dürfen auch Frauen zur See fahren und Männer Erzieher werden … (Tatsächlich haben wir hier auf Langeoog eine ganz tolle Kapitänin, die obendrein gelernte Schiffsmechanikerin ist!)
    Aber handwerklich, atmosphärisch und von der Kernaussage her natürlich ein hübsches Märchen.

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