Ein Nerz wärmt keine Herzen

© Subbotina Anna - Fotolia.com

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Als ich gestern beruflich speiste, hatten wir uns ein, sagen wir gehobeneres Restaurant ausgesucht. Der Empfang war wie in diesen Kreisen üblich freundlich und devot.

Wir wurden an einen Tisch abgetrennt vom Schuss gebracht und waren froh, als wir unsere Plätze eingenommen hatten. Bis auf den »kleinen Gruß« aus der Küche schmeckte alles hervorragend. Ein bayerischer Abend mit allerlei Köstlichkeiten.

Nachdem wir die Vorspeise aßen, betrat eine Dame das Lokal. Eine rundliche Frau um die 50, sie machte, gleich von sich reden. »Nimmt mir jemand den Nerz ab«? Rief sie unüberhörbar in die Menge.

Eine der Kellnerinnen stürmte eilig zu ihr, (sie wäre beinahe hingefallen), da  entgegnete die Lady: »Damit müssen Sie ganz vorsichtig umgehen, den habe ich von meinem Mann zum Hochzeitstag geschenkt bekommen, wir haben ein eigenes Labor und ich habe nur selten die Zeit abends auszugehen«.

Verdutzt schaute ich meine Begleitung an. »Wie arm sie ist, scheint einsam zu sein«. Mein Kollege konnte sich ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen.

Eine Stunde später, die Dame mit dem »Nerz« hatte inzwischen das zweite Glas Rotwein runtergenippt- zitierte sie eine der Kellnerinnen, die sowieso ständig um alle Tische herumwuselten und den Gästen jeden Wunsch von den Augen ablasen, zu sich an den Tisch. Lautstark: »Es kann sein, dass mein Gatte noch kommt, halten Sie bitte ein Gedeck vor, er arbeitet immer viel, ich kann es nicht mit Sicherheit sagen«.

Natürlich kam keiner, wahrscheinlich hatte sie nicht mal einen Partner und schwelgte im Glanz vergessener Tage. Als wir das Etablissement verließen, habe ich der Dame noch ein Kompliment für Ihre Bluse gemacht. Sie war cremefarben und dem Augenschein nach aus reiner Seide. Kleidete sie gut, wie ich fand.

Eine der Bedienungen half mir in den Mantel, als die Dame lautstark rief: »Sie dürfen gerne einen Nachtisch bei mir am Tisch zu sich nehmen. Ihre Begleitung ist auch herzlich eingeladen«.

Freundlich lehnten wir ab, huschten zügig aus dem Restaurant. Auf dem Weg zum Auto haben wir beide noch kurz über die Verarmung der Gesellschaft nachgedacht und uns dann ganz entspannt dem Kinobesuch gewidmet.

Ich wünsche jedem Menschen, echt nachhaltige und tiefe Gefühle- unbezahlbar.

5 Gedanken zu “Ein Nerz wärmt keine Herzen

  1. Ich glaub auch, dass die „vornehme“ Dame sehr einsam ist, auch schon dadurch, dass sie euch an den Tisch „gebeten“ hat. Aber die Geschichte und du hast es zur Kurzgeschichte mit Wendepunkt verarbeitet, lehrt auch, dass man Menschen mit wenigen freundlichen Worten ins Leben zurück holen kann.

    Ich hatte mal ne Chefin, die hat ständig in der Firma alle gegebenen und eigentlich privaten Anlässe mit uns Angestellten gefeiert, weil zu Hause keiner auf sie wartete. Einmal erzählte sie, dass sie schon während der Ausbildung einen BMW fuhr, als alle anderen sich noch kein Auto leisten konnten und wie stolz sie war, als sie mit diesem Auto an den anderen vorbeifuhr, die an der Bushaltestelle warteten.

    „Ja“, dachte ich für mich:
    „Aber die anderen waren zusammen, konnten sich im Bus unterhalten und haben vielleicht über dich gewitzelt, weil du dich über sie stellst und dich selbst separierst.“

    Hätte sie mal angehalten und ein paar Kollegen mitgenommen .. aber das Gefühl, mehr wert zu sein, hat sie daran gehindert. Ich sage mir immer: Du wertest dich nicht auf durch Dinge wie Luxusartikel: Du wertest deine Bilanz auf, deinen Fuhrpark, deinen Kleiderschrank, deine Immobilien, dein Bankkonto. Dich selbst wertest du nur auf durch Dinge, die man nicht bezahlen kann.

    Lieben Gruß, Sven 🙂

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  2. Pingback: Es muss nicht immer Kaviar sein | Dunkelpoet

  3. Wie wäre es mit einer Anthologie mit kürzeren Fantasie-Geschichten? Da kommen gleich mehrere Nachwuchsautoren zum Zuge und wer weiß, was aus ihnen mal wird?

    Ich hab dich empfohlen auf:

    http://schattenengel.wordpress.com

    Die Autorin ist mir lange bekannt durch ihre genialen Gedichte. Ich hab sie immer mit Edgar Poe verglichen, jedenfalls diese Poems, die sie in seiner Sprache schreibt. Mit Prosa kenn ich mich nicht so aus. Das musst du selbst beurteilen.

    Schönen Tag, Sven

    Gefällt 1 Person

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